Warum weniger mehr ist und Reisen unabhängig macht.

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Nachtmarkt Taiwan
19 Jan

Warum weniger mehr ist und Reisen unabhängig macht.

19. Januar 2014

Ich nehme meinen 17 kg schweren Rucksack, werfe ihn mir über die rechte Schulter, drehe mich ein letztes Mal um und winke meiner Familie zu. Vor mir liegen über acht Wochen Asien. Ich atme tief durch und realisiere, dass ich nun auf mich alleine gestellt bin. Ich habe nur das Nötigste bei, habe nur die Flüge zwischen den fünf Ländern gebucht und weiß nicht wo und wie ich morgen übernachte. Eine unheimliche Aufregung erregt meinen Körper und das Gefühl von wahrer Freiheit breitet sich in mir aus. Doch was ist Freiheit eigentlich? Weniger_ist_mehr_funkloch
Es ist ein Gefühl, dass ich schwer in Worte fassen kann. Es übertrifft das Kribbeln von fünf Kaffee auf nüchternen Magen, das Glücksgefühl nach dem Bestehen einer Prüfung und die Gänsehaut nach dem ersten Zungenkuss. Wie wird es werden? Wen werde ich treffen? Werde ich etwas kurioses erleben? Tausende Fragen schießen mir durch den Kopf. Doch die interessanteste von allen: Habe ich alles dabei?
In der Heimat leben wir in Deutschland auf einer durchschnittlichen Wohnfläche von 45 Quadratmeter pro Person. Eine Fläche, die meistens bis in den letzten Quadratmillimeter mit Schränken, Regalen und sonstigen Abstellflächen und Stauräumen ausgenutzt wird. Wir haben spezielle Messer für den Käse, für Tomaten, zum Schneiden von Brot oder zum Schälen von Kartoffeln, obwohl wir damit nur Dinge schneiden wollen. Wir haben Gläser für Wasser, Wein, Bier, Cocktails oder Whiskey, obwohl wir nur daraus trinken wollen. Und wir haben Schuhe. Schuhe für die Arbeit, die Freizeit, für Zuhause, zum Joggen, zum Baden, zum Bowlen, zum Tennis spielen, zum schick sein oder zum Lümmeln. Der Mensch hat im Laufe der Jahre gelernt, dass sich manche Tätigkeiten viel leichter mit sehr speziellen Gegenständen verrichten lassen. Und genau diese Gegenstände hat er dann modifiziert und millionenfach produziert.
Doch was ist mit all dem auf einer Reise? Ein 60 Liter großer Rucksack reicht kaum aus, um den ganzen Hausrat drin zu verscharren. Folglich musste ich Abstriche machen. Genauso wie Millionen Backpacker vor mir. Und dabei stellte ich im Laufe meiner Reise etwas fest, dass ich vorher nie erwartet hätte: Weniger ist mehr.

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Gepäck für 8 Wochen auf einem Quadratmeter.

Es waren mit die schönsten Momente meiner Reise, als ich morgens meinen Rucksack schnappte, zum Bahnhof ging und gespannt war was der Tag bringen sollte. Ganz unabhängig und ungebunden marschierte ich los. Es war ganz egal wo ich in ein paar Stunden ankommen würde, denn alles was ich brauchte – hatte ich bei. Vom Akkuladegerät des Computers bis hin zur Zahnbürste. Alles war in den inzwischen 18,5 kg enthalten. Ich fühlte mich erfüllt, zufrieden, zutiefst dankbar aber vor allem frei. Frei von den Dingen, die im Alltag erledigt werden müssen – als Teilzeit-Minimalist.
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Steven Hille

Steven ist der Autor des nachhaltigen Reiseblogs Funkloch. Irgendwann dachte er sich, dass er nur noch Projekte realisieren sollte, die einen guten Nutzen haben. Aus dieser Idee heraus sammelte er Spenden für ein Tigerbaby, unterstützte ein nationales Bienenprojekt, baute einen Brunnen in Uganda und gründete mit Freunden die NGO WeWater, die sich für sauberes Trinkwasser einsetzt.