Von der Größe der kleinen Tat.

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20 Dez

Von der Größe der kleinen Tat.

20. Dezember 2014

von Stefan Eschert
Sie stand an der gleichen Straßenecke in gewohnter Haltung. Ihr glattes Haar wehte leicht im Wind. Der starre Blick, der von ihr fiel, ging durch die fließenden Menschenmengen hindurch. Als ich mich vor sie stellte, lächelte sie mich fast schon wie gewohnt an. Ihre Augen nahmen dabei eine bezaubernde Form an, wie sie nur bei wenigen Frauen auftritt. Wie jeden Morgen überreichte ich ihr das, was sie wirklich brauchte. Lächelnd nickte ich sie dabei an und ging ohne ein Wort zu sagen die Friedrichstraße entlang bis zu meinem Büro. Ich mochte sie. Dass sie obdachlos war, schien mir nebensächlich.
Der mit Tee gefüllte Kaffeepott aus der Büroküche wärmte meine Hände auf. Der aufsteigende Dampf formte sich wie meine Gedanken. Seit über einer Woche gab ich einer Frau, die ich nicht kannte jeden Morgen die Hälfte meines Frühstückssandwichs, das ich mir wenige Minuten zuvor selbst zubereitet habe. Obgleich ihre Bitte an die Passanten darin bestand, einen finanziellen Obolus zu entrichten. Trotzdem bedankte sie sich. Mir fehlte nichts, wenn ich ihr eine Hälfte davon gab. Ich fühlte mich auch nicht wie ein Samariter. Es fühlte sich einfach richtig an. Aber oftmals gehen die gute Tat und die Kritik Hand in Hand. Und die Kritik kommt meistens von denen, die tatenlos vorbeigehen. Daher rede ich nicht über meine gute Taten. Es sind meine Entscheidungen, nicht deine.
Wie steht es eigentlich mit dem Verhältnis von guten und bösen Taten? Wenn ich dem örtlichen Tierheim jährlich im Winter eine große Menge an Futter für Hunde und Katzen vorbeibringe, frage ich mich, ob ich der einzige bin, der diese Woche, diesen Monat, dieses Jahr mit dieser direkten Spende daherkommt. An der Reaktion der Betreiberin gemessen, bin ich nicht der Einzige, aber soll hoffentlich nicht der Letzte sein.
Bin ich ein guter Mensch? Der Mensch besteht aus gut, böse und einer Grauzone, in der sich beide Seiten vermischen. Was davon bei unseren Mitmenschen ankommt, zeigt sich meist in den guten und bösen Taten. Und manche Menschen versuchen das Böse in den guten Taten zu sehen und umgekehrt. Wir können sie als Kritiker bezeichnen oder als überflüssig (ihre Kritik, du Schelm). Denn gerade wenn wir etwas Gutes tun, haben wir es aus einer inneren Entscheidung getroffen. Diese kann ohne jegliche Haltung, instinktiv aus einer Notsituation heraus oder einfach nur menschlich sein. Paradoxerweise könnte dies auch auf die böse Tat zutreffen. Aber das ungleiche Kritikverhältnis zwischen guten und bösen Taten in der Öffentlichkeit ist rein menschlicher Natur. Böses ist böse und Gutes ist gut. Im Prinzip verhält es sich mit dem Guten und Bösen wie mit Liebe und Hass, beides ist subjektiv und intim.
Unangenehm wäre es, wenn ich in einer Kneipe sitze und jemanden von meinen guten Alltagstaten erzählen würde. Die Wahrscheinlichkeit wäre nicht gering, dass ich mit Fragen konfrontiert werden würde wie: „Und warum nicht das ganze Sandwich? Und die anderen Obdachlosen müssen sterben? Warum nur Hunde- und Katzenfutter? Müssen die anderen Tierarten sterben?“. Manchmal vermischt sich eben das Gute und das Böse. Aber das interessierte der Frau mit meiner Sandwichhälfte nicht.
Es hätte eine große Story werden können. Sie wäre vielleicht irgendwann (hoffentlich) aus der Obdachlosigkeit gekommen und hätte mich vielleicht an gewohnter Stelle aufgesucht und sich sogar für alles bedankt. Aber nach zwei Wochen war sie nicht mehr an der gleichen Straßenecke in gewohnter Haltung anzutreffen. Sie war weg und tauchte nie wieder auf. Und es fühlte sich trotzdem gut an.
Gute Taten müssen keine Dimensionen übertreffen, aber sie sollten beständig sein.
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Dieser Gastbeitrag von Stefan ist ein Teil des Funkloch Adventskalenders 2015, bei dem Reisende über “Gutes tun” berichten.
Eine Übersicht aller Adventskalender-Beiträge findet ihr hier.
stefan_eschert_blogStefan ist einer meiner besten Freunde, absoluter Freidenker, Visionär und sieht sich in ein paar Jahren als Ökobauer auf einer Bisonfarm in Angermünde arbeiten. Aktuell reist er durch die Welt und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung wo genau er sich gerade befindet. Im Süden Thailands? Indonesien? Oder schon auf dem Sprung nach Neuseeland? Er ist sehr umtriebig und liebt die Ferne wie kaum ein anderer Mensch. Durch Stefan kam ich übrigens zum Bloggen. Jahrelang schrieb er auf Kaffeeersatz, bis er sein Vermächtnis an Oli übergab. Sein neuer Blog steht in den Startlöchern. Er wird kritischer und rebellischer und wird die Welt verändern. Glaube ich.
 
Foto Header: Sascha Kohlmann : flickr

Kommentar
  • Avatar
    daviddude
    21. Dezember 2014, 13:21

    nice! 🙂

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Steven Hille
Steven Hille

Steven ist der Autor des nachhaltigen Reiseblogs Funkloch. Irgendwann dachte er sich, dass er nur noch Projekte realisieren sollte, die einen guten Nutzen haben. Aus dieser Idee heraus sammelte er Spenden für ein Tigerbaby, unterstützte ein nationales Bienenprojekt, baute einen Brunnen in Uganda und gründete mit Freunden die NGO WeWater, die sich für sauberes Trinkwasser einsetzt.