Siegelwahn: Licht ins Dunkel der Bio-Siegel

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20 Apr

Siegelwahn: Licht ins Dunkel der Bio-Siegel

20. April 2016

Regelmäßig schlurfe ich samstagnachmittags verwundert durch einschlägige Supermärkte. Dort wo noch vor 10 Jahren die Eier aus Massentierhaltung gestapelt vor sich hin eierten, kann ich nun Bio-Eier kaufen, die garnicht mal so viel mehr kosten. Daneben steht Bio-Brot, Bio-Nudeln, Bio-Wein. Biologische Lebensmittel sind keine Seltenheit mehr in Supermärkten und wenn etwas bei Aldi das Regal ziert, dann ist es in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sind wir jetzt also alle viel gesünder, weil wir Aldis Bio-Reis essen? Und wer sagt überhaupt was Bio ist und was nicht und was heißt das überhaupt? Was sind die Richtlinien? Ab wann darf ich mein Produkt „Bio“ nennen?
 
In meiner Traumwelt bekommen Bio-Hühner keine Antibiotika, haben genügend Auslauf an der frischen Luft und futtern im Kreise ihrer Liebsten gesunde Snacks, so dass die Eier nur so aus ihnen herauskugeln. Habe ich mal wieder einen welthassenden Tag, vermute ich hinter den Bio-Eiern lediglich ein paar Marketingheinis, die Greenwashing betreiben, um dem Gesundheitstrend zu entsprechen. Wie immer liegt die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen und ist weder weiß noch schwarz – sondern hellgrau, dunkelgrau, mittelgrau und was es sonst noch so für Graustufen gibt. Ich habe mich nun auf den Weg gemacht, das Grau etwas mehr zu durchdringen und zu verstehen, was das alles überhaupt heißt.
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Was ist Bio?

Die Begriffe Bio und Öko sind geschützt und werden synonym verwendet. Hersteller dürfen ihre Produkte nur entsprechend bezeichnen, wenn sie die gesetzlichen Auflagen für die ökologische Landwirtschaft und Verarbeitung erfüllt haben. Doch was sind das für Auflagen?
 
Die EU-Verordnung ökologischer Landbau bestimmt, ab wann Produkte als Öko- bzw. Bio-Produkte bezeichnet werden dürfen. In der Verordnung sind massenweise Bestimmungen aufgeführt, die bei Interesse hier nachgelesen werden können. Ich habe mir nur ein paar interessante Punkte herausgepickt.

Auf den Etiketten verpackter Produkte muss immer die Code-Nummer der für den jeweiligen Betrieb zuständigen Kontrollstelle stehen. In Deutschland sind am Kontrollsystem staatliche Überwachungsbehörden und private Kontrollstellen beteiligt. Alle erzeugenden, verarbeitenden, handelnden und Futtermittel herstellenden Unternehmen werden mindestens einmal pro Jahr kontrolliert. Zudem werden zusätzliche unangekündigte Kontrollen vorgenommen.

 

Verarbeitete Lebensmittel dürfen in der Verkehrsbezeichnung als Öko-Erzeugnisse gekennzeichnet werden, wenn mindestens 95% Gewichtsprozent ihrer Zutaten landwirtschaftlichen Ursprungs ökologisch sind. Die weiteren 5% dürfen nur Zutaten sein, für die festgestellt ist, dass sie ökologisch nicht verfügbar sind.

 

Die Tierzahl je Fläche ist begrenzt, um Umweltbelastungen zu minimieren.

 

Die Krankheitsvorsorge beruht hauptsächlich auf vorbeugenden Maßnahmen (zum Beispiel: Wahl geeigneter Rassen, tiergerechte Haltung, Verfütterung hochwertiger Futtermittel, angemessene Besatzdichte). Die Verwendung von wachstums- oder leistungsfördernden Stoffen sowie die Verwendung von Hormonen zur Kontrolle der Fortpflanzung ist verboten.

 

Sollten Tiere trotz Vorsorgemaßnahmen krank werden, sind sie unverzüglich zu behandeln. Bei der tierärztlichen Behandlung dürfen erforderlichenfalls chemisch-synthetische allopathische Tierarzneimittel einschließlich Antbiotika unter strengen Bedingungen verwendet werden.

 

Eingriffe an Tieren wie zum Beispiel Enthornen, Kastration, Kupieren der Schwänze, Stutzen der Schnäbel sind entweder verboten oder nur nach Genehmigung und unter Auflagen erlaubt.

 

Es muss eine artgerechte Unterbringung der Tiere gewährleistet sein. Die Besatzdichte in Stallgebäuden soll den Tieren Komfort und Wohlbefinden gewährleisten.

 

Die Tiere müssen ständigen Zugang zu Freigelände, vorzugsweise zu Weideland, haben, wann immer die Witterungsbedingungen und der Zustand des Bodens dies erlauben.

 

Das Erzeugnis darf nicht unter Verwendung von genetisch veränderten Organismen (GVO) und/oder auf deren Grundlage hergestellten Erzeugnissen hergestellt werden.

 
Wer Waren, die nicht diese Auflagen erfüllen als Bio bezeichnet macht sich strafbar. Doch die Kommunikationsexperten hätten diese Bezeichnung nicht verdient, wenn ihnen nicht allerhand Bezeichnungen einfallen würden, mit denen sie dennoch versuchen auf der Öko-Welle mitzusurfen: alternativ, integriert, kontrolliert umweltschonend, kontrollierter Anbau oder umweltfreundlich sind einige der Wörter, die nicht geschützt sind. Der Verbraucher kann sich also nicht darauf verlassen, dass es sich bei diesen Lebensmitteln wirklich um Bio-Produkte handelt.
 

Wie wird Bio gekennzeichnet?

Schaut man sich Bio-Lebensmittel und Bio-Produkte etwas genauer an, sind sie alle mit kleinen Logos, den Gütesiegeln versehen. Diese Gütesiegel unterscheiden sich jedoch. Es gibt viele verschiedene Siegel, die mit der Bezeichnung Bio oder Öko werben aber halten sie sich wirklich alle an die gleichen Richtlinien? Und warum sind manche Bio-Produkte so viel teurer als andere? Im Folgenden findet ihr eine kleine Übersicht der wichtigsten Bio-Siegel in Deutschland und einer kleinen Beschreibung, was sich hinter dem Siegel verbirgt. Grundlage ist immer die EU-Verordnung. Einige Siegel gehen jedoch darüber hinaus. Hier sind alle bekannten Bio-Siegel in der Übersicht:
 
EU Bio Siegel
Bio Siegel der EU
Dieses Siegel ist seit 01.07.2010 für alle vorverpackten Biolebensmittel verpflichtend. Somit müssen alle in Europa erzeugten Bio-Produkte mit diesem Logo versehen werden und sie müssen die Vorgaben der EU-Öko-Verordnung erfüllen.
·  5% der Zutaten sind aus konventionellem Anbau erlaubt
·  47 erlaubte Zusatzstoffe
·  max. 230 Legehennen und 14 Mastschweine
·  bis max. 10% konventionelles Futter erlaubt
·  Antibiotika darf nur stark eingegrenzt verabreicht werden
 
Deutsches Bio-Siegel
DEUTSCHES BIO SIEGEL
Das staatliche Bio-Siegel ergänzt oft das EU-Bio-Siegel und kann auf freiwilliger Basis auf Bio-Produkten aufgebracht sein.
·  5% der Zutaten sind aus konventionellem Anbau erlaubt
·  max. 6 Legehennen pro qm
·  Tiere dürfen nur mit ökologischem Futter gefüttert werden
·  Antibiotika darf nur stark eingegrenzt verabreicht werden
 
Demeter
 
Demeter Siegel für Lebensmittel Kleidung und
·  Siegel für Lebensmittel, Kleidung und Kosmetik
·  100% ökologische Zutaten
·  13 Zusatzstoffe erlaubt
·  max. 140 Legehennen und 10 Mastschweine pro bewirtschafteter Hektar und Jahr
·  Ausschließlich Biotierfutter
·  Kein Einsatz von Antibiotika
·  Anthroposophische Grundsätze wie Orientierung an Mondphasen
·  Das Zusammenspiel von Menschen, Tieren und Pflanzen sowie Erde und Kosmos steht im Mittelpunkt
 
Bioland
bio Siegel des größten bioverbandes
·  Größter Verband
·  100% ökologische Zutaten
·  25 unbedenkliche Zusatzstoffe erlaubt
·  max. 140 Legehennen und 10 Mastschweine pro bewirtschafteter Hektar und Jahr
·  Tiere dürfen nur mit ökologischem Futter gefüttert werden
·  erkrankte Tiere werden naturheilkundlich behandelt, Antibiotika nur stark eingegrenzt
·  basiert auf einem geschlossenen Betriebskreislauf: Produktions- und Futtermittel stammen weitgehend aus dem eigenen Betrieb
 
Naturland
Naturland Siegel bio
·  Siegel für Nahrungsmittel, ökologische Waldnutzung, Textil- und Kosmetika-Herstellung
·  100% ökologische Zutaten
·  21 Zusatzstoffe zulässig
·  max. 140 Legehennen und 10 Mastschweine pro bewirtschafteter Hektar und Jahr
·  Tiere dürfen nur mit ökologischem Futter gefüttert werden
·  Antibiotika nur stark eingegrenzt
·  berücksichtigt soziale Aspekte (Richtlinien für Umgang mit Mitarbeitern/ Handelspartnern)
·  ökologischer Betrieb des gesamten Bauernhofs
 
Goa. e.V.
ökologischer Landbau
·  Dazu gehören spezialisierte Betriebe für Kräuter- und Beerenanbau, Gemüsebau, Saatgutvermehrung oder Teich­wirt­­
schaft
·  max. 140 Legehennen und 10 Mastschweine pro bewirtschafteter Hektar und Jahr
·  max. 15% konventionelles Futter
·  Antibiotika nur stark eingegrenzt
 
Biopark
logo biopark
·  einige Zusatzstoffe erlaubt
·  max. 230 Legehennen und 14 Mastschweine Schweine
·  geringer Prozentsatz an konventionellem Futter darf hinzugekauft werden
·  Antibiotika nur stark eingegrenzt
 
 

Fazit: Welches Bio-Siegel ist das beste?

Über 100 Bio-Siegel und Gütesiegel gibt es in Deutschland. Den Überblick zu behalten ist da natürlich schwer, daher habe ich mich in dieser Auflistung auf die wichtigsten und nur auf den Bereich der Lebensmittel konzentriert. Demeter und Bioland sind am ältesten, Bioland einer der größten Anbauverbände. Während das Deutsche Bio-Siegel freiwillig ist, ist das EU Siegel für Bio-Produkte verpflichtend. Die aufgeführten Siegel geben eine gute Orientierung beim Einkaufen und erfüllen die Kriterien einer ökologischen Produktion in einem Mindestmaß. Die strengsten Richtlinien hat wohl Demeter. Einige betrachten die Bio-Richtlinien Demeter wohl sogar als esoterisch, wie die Orientierung an Mondphase. Dennoch baut Demeter auf das biologisch-dynamische Prinzip von Rudolf Steiner. Tiere sollen nicht nur artgerecht, sondern auch wesensgerecht leben können.
Der Handel reagiert natürlich auf den Boom der Ernährungswirtschaft. Im Jahr 2000 wurden noch 2,1 Milliarden Euro für Ökobutter und Biofleisch in Deutschland ausgegeben. 11 Jahre später waren es bereits 6,59 Milliarden Euro. Bio boomt, könnte man meinen. Immer mehr Handelsmarken entstehen. Viele dienen ebenfalls als kleine Orientierung. Aber beim Einkaufen sollte man weiterhin möglichst kritisch sein. Floskeln wie „aus kontrollierter Landwirtschaft“ oder „aus alternativer Haltung“ sind Werbesätze, die etwas suggerieren, was in den meisten Fällen nicht enthalten ist.
Daher achte auf die oben genannte Siegel, kaufe Produkte aus der Region und tu etwas für die Umwelt und natürlich auch für dich. Bio-Produkte werden nachweislich mit weniger Pestiziden behandelt. Mehr Nährstoffe und Vitamine enthalten sie nicht immer, denn das ist immer abhängig von Transport, Frische und Lagerung.

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Johanna
Johanna

Johanna lebte 2014/15 während ihres Studiums der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation fast ein Jahr in Valencia. Mittlerweile arbeitet sie als New Work- und Digital Transformation Beraterin in ihrer Heimatstadt Berlin und kehrt trotzdem mindestens einmal im Jahr in ihre "2. Heimat" am Mittelmeer zurück. Steven und Johanna kennen sich schon ziemlich lange und deswegen darf sie hier auch ab und zu ihren Senf dazu geben.