Album Megaptera: Was passiert, wenn ein Musiker mit Walen kommunizieren will?
Neulich traf ich bei uns im Büro auf dem Flur meinen Kollegen Julien. Wir kamen über aktuelle Projekte ins Gespräch. Und dieses Projekt hier hat mich komplett begeistert. Gerade wo Buckelwal Timmy durch die Medien geistert und sein Schicksal Millionen Menschen bewegt hat, ist nun genau der richtige Moment für mehr Aufmerksamkeit beim Thema Walschutz. Dieser Beitrag ist irgendwas zwischen Werbung für die Arbeit meines Bürokollegen und absolute Faszination.
Einschub: Falls du Timmy nicht kennen solltest, was fast unmöglich ist: Anfang März 2026 verirrte sich ein Buckelwal in die westliche Ostsee, strandete mehrfach und hielt Deutschland wochenlang in Atem. Eine private Rettungsaktion transportierte ihn schließlich auf einer Barge in die Nordsee. Ob er überlebt hat, weiß bis heute niemand. Der GPS-Tracker liefert keine Daten. Das hinterlässt ein komisches Gefühl. Aber gut, wieder zurück zum eigentlichen Thema.
Alles fing mit einem viralen Video an
Das Album Megaptera (VÖ: 12. Juni 2026) kommt vom französischen Elektronikproduzenten Rone, bürgerlich Erwan Castex. Das Label InFiné, von meinem Büro-Kollegen Julien, arbeitet für Rone.
Der Name Rone stand für mich immer für irgendwas zwischen Clubnacht und Arthouse-Kino. Aber diese Geschichte ist nochmal eine andere.
Alles begann damit, dass im Internet Videos kursierten, auf denen Seeleute auf offener See Musik von Rone abspielten und beobachteten, wie sich Delfine und Wale ihrem Boot näherten. Rone, der selbst in Cancale in der Bretagne lebt und Mitglied der Organisation Al Ark zum Schutz und zur Erforschung von Walen und Delfinen ist, fand diese Videos zunächst eher amüsant. Er bekam sogar ein paar absurde Anfragen für Konzerte auf See.
Dann blieb aber doch die Neugier. Und das Gefühl, über dieses Thema eigentlich kaum etwas zu wissen.
„Nicht ob Musik Wale anlockt, sondern was dieser Versuch mit dem Musiker macht.“
Ein Filmemacher, ein Surfer und die offene See
Als der Dokumentarfilmproduzent und Surfer Valentin Paoli auf Rone zukam und ihm vorschlug, seine Annäherung an die Welt der Wale filmisch und wissenschaftlich zu begleiten, sagte Rone zu. Er traf Bioakustiker, Wissenschaftler und Seeleute. Deren Forschung wurde zur Grundlage des Albums. Mehrfach fuhr er auf den Atlantik hinaus, vor der Küste der Bretagne und der Réunion-Insel, um mit seinen Synthesizern in Resonanz mit den Walen zu treten.
Der Dokumentarfilm erzählt diese Geschichte als moderne Fabel. Der Titel „Der Wal und der Musiker“ ist eine Anspielung auf La Fontaine. Es geht nicht um einen wissenschaftlichen Durchbruch in der Walforschung. Es geht um eine Begegnung und darum, was diese Begegnung mit dem Menschen macht. Der Film kommt im Juni 2026 in Frankreich in die Kinos.
Hier der Trailer:
Was auf dem Album passiert
Auf Megaptera trifft elektronische Musik auf echte Walgesänge. Rone hat seinen Synthesizer-Ansatz dabei radikal reduziert. Statt Clubstrukturen gibt es Frequenzbänder, Wiederholung, schwebende Flächen. Das klingt nicht nach Berechnung, sondern nach einer Art Selbstbeschränkung. Als würde man eine Sprache lernen, indem man erst mal aufhört, die eigene zu sprechen.
Hinzu kommen die Kinderstimmen des Chors von Radio France und ein Track von Yael Naim, der Breathe In heißt. Der Albumtitel Megaptera ist übrigens der wissenschaftliche Gattungsname des Buckelwals. Das passt.
Trackliste: Al Lark / Premier Contact / Verba Aliena / Breach / La Baleine et Le Musicien / Speaker / Caudale / Cap Lahoussaye / Insomnia / Zodiac / Lingua / Breathe In (feat. Yael Naim) / Megaptera Novaeangliae / Panimal / Try Again
Hört mal hier rein:
Warum das gerade jetzt Sinn ergibt
Nach Jahren auf internationalen Clubbühnen, in klassischen Konzerthäusern, als Filmkomponist (ein César, zwei aufeinanderfolgende Nominierungen) und in Zusammenarbeit mit avantgardistischen Tanzcompagnien wie La Horde suchte Rone offenbar nach einer intimeren Form des Arbeitens. Weg vom Perfekten, hin zum Prozess. Das spürt man.
Rones Musik wurde unter anderem für Greta Thunbergs Kampagne „NatureNow“ verwendet. Sein letztes Album Room With a View befasste sich mit dem Ende einer Welt und der Frage, was danach kommen könnte. Megaptera fühlt sich an wie eine Antwort darauf. Nicht die große Geste, sondern das Hinhorchen.
Und vielleicht ist das die ehrlichste Form von Walschutz: Nicht der Lastkahn, der einen erschöpften Wal durch die Nordsee schleppt. Sondern die Frage, ob wir überhaupt zuhören können.
Rone – Megaptera erscheint am 12. Juni 2026 auf dem Label InFiné. Der Soundtrack stammt aus dem Dokumentarfilm „The Whale and the Musician“ von Valentin Paoli. Das Album wurde auf dem Boot Lady La Fée vor der Küste der Réunion-Insel und in Rones Studio in Cancale aufgenommen. Wer mehr über den Walschutz erfahren möchte: Al Ark ist Rones eigene Organisation dafür, direkt aus der Bretagne, einer Region, die ich so sehr wie kaum eine andere liebe.
Kennst du Rones Musik schon? Und hattest du das Timmy-Thema eigentlich auch schon satt, oder hat dich das Schicksal des Wals wirklich beschäftigt? Ich frage mich das selbst noch.
Das Beitragsbild ist von Envato Elements.
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