Eine geheimnisvolle Begebenheit. | Japan #asientrip

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Japan Wanderer
20 Aug

Eine geheimnisvolle Begebenheit. | Japan #asientrip

20. August 2013

Als Kind hatte ich oft diesen einen Wunsch. Ich wollte unbedingt mal eine Schatzkarte finden! Oft habe ich davon geträumt und mir ausgemalt, wie es wäre, mich Hals über Kopf in ein Abenteuer zu stürzen oder einem Geheimnis hinterher zu jagen. Gestern habe ich zwar keine Schatzkarte gefunden, aber etwas anderes wertvolles erhalten.

Es war auf der Fahrt von Naruto nach Tokushima, als irgendwann zwischen diesen beiden Stationen ein japanischer Wanderer in den Zug stieg. Er hatte Hikingschuhe, eine lange beige und sehr weite Hose sowie ein langärmeliges graues Hemd an. In der rechten Hand hatte er einen hölzernen Wanderstock, wie ich ihn auch schon bei anderen Wanderern während der Mount Fuji Besteigung gesehen hatte. In der anderen Hand hielt er ein paar mausgraue Handschuhe sowie einen roten Trekkingrucksack der Marke The North Face. Die Japaner lieben nämlich Qualität – und Marken suggerieren Qualität. Zusätzlich trug er auf dem Kopf ein Suzuki Basecap, das nicht ganz ins Bild passte. Um seinen Hals hing ein mittellanges Handtuch. Das sieht man hier häufiger. Auch in der Stadt, da hier in Japan laut einiger Erzählungen der „Jahrhundertsommer“ ausgebrochen sei. Es ist kaum einen Tag unter 36° C. Das macht auch den Einheimischen zu schaffen. Um die strömenden Schweißflüsse zu stoppen, die sich tagtäglich vom Nacken, über den Rücken bis zum Allerwertesten aufmachen, trägt man eben ein Handtuch um den Hals. Als Staudamm mit Sogfunktion quasi.

Mein Gegenüber sah also aus wie ein klassischer Wanderer. Zudem hatte er graumeliertes Haar und schien schätzungsweise 65 Jahre alt zu sein. Insgesamt wirkte er auf mich wie eine Mischung aus Mr. Miyagi und George Clooney. Alt, weise, charismatisch und trotz des (für mich) hohen Alters einigermaßen sportlich. Unter seinem Hemd trug er ein helles Shirt. Hemd und Shirt waren von oben bis unten, vorne und hinten nass geschwitzt. Kein Wunder, bei diesen Temperaturen und seiner reichlichen Bekleidung!

Ich glaube, dass der entscheidende Moment jener war, als er rein kam, wir uns begrüßten und uns anlächelten. Wir fanden uns sympathisch. Er konnte kaum noch laufen, so sehr war er geschwächt, als er in die Bahn stieg. Er hielt sich mit beiden Armen an einem Sitz fest und zitterte stark beim Stehen. Aber auch als er endlich in der leeren Bahn einen Platz gefunden hatte, zitterte er weiterhin am ganzen Körper. Ich hoffte, dass es an seiner Erschöpfung lag und nicht an seinem Alter oder möglichen Erkrankungen.

Schließlich kamen wir ins Gespräch, insofern man unser Gestammel als Gespräch titulieren kann.

Er war seit dem Morgengrauen in den Bergen gewesen, um zwei Berge zu erkunden. Geboren wurde er in einem kleinen Dorf nahe Naruto. Er kannte die Berge dieser Region gut, denn schließlich war er hier aufgewachsen. Auch sein jetziger Wohnort liegt in der Nähe: eben irgendwo zwischen Naruto und Tokushima.

Nach einer kurzen Gesprächspause kramte er in seiner Tasche und zeigte mir einen Kompass, sowie Stift und Papier. Er setzte den Stift auf dem Blatt Papier an, schaute auf den Kompass, machte Fußbewegungen, die nach laufen aussahen, und zeichnete den scheinbar zurückgelegten Weg auf das Papier. Danach reichte er mir den Zettel und zeigte auf zwei neue dreieckige Markierungen, die Berge darstellen sollten. Er hatte sie heute erkundet. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass die komplette Karte selbst gezeichnet war. Dann sagte er „Today finish map.“. Ich fragte ungläubig nach und er bejahte die Frage voller Stolz. Zwei Jahre hatte es gedauert die Karte zu zeichnen. Alle eingetragenen Pfade war er selbst erlaufen und hatte er teilweise sogar eigenständig erkundet. Unglaublich, dachte ich mir. Was für ein schönes Andenken hatte er sich geschaffen. Ich sagte ihm, dass ich auf dem Mount Fuji war. Darüber freute er sich, grinste, deutete auf sich selbst und zeigte mir seine rechte Hand mit fünf gestreckten Fingern. Wir lachten.

Anschließend faltete ich die Karte sorgsam zusammen und schob sie zu ihm rüber. Er überkreuzte daraufhin seine Arme und deutete an, dass ich sie behalten sollte. Was? Ich sollte seine mühevoll erwanderte Karte einfach behalten? Wir kannten uns doch gar nicht! Ich versuchte es erneut, aber er reagierte wie beim ersten Mal und tippte sich mit dem rechten Zeigefinger langsam auf seine rechte Schläfe. Ich war sprachlos und kramte ebenfalls in meinem Rucksack. In der letzten Ecke fand ich einen der 2-3 Centimeter großen Lavasteine, die ich von der Spitze des Mount Fuji mitgebracht hatte. Als Zeichen des Danks gab ich ihm den Stein und erklärte, dass er vom Gipfel des Vulkans war. Er begutachtete die erstarrte Lava und legte sie behutsam in das vorderste Fach seines Rucksacks.

Einige Stationen später stand er wortlos auf und verschwand ohne eine Verabschiedung aus der Bahn. Er war wohl nicht der Typ für große Abschiedsszenen.

Mit dem Tippen auf die Schläfe wollte er meiner Meinung nach sagen, dass er die Erinnerungen an all die Erlebnisse während seiner Wanderungen im Kopf trägt. Er braucht keine Karte, um sich daran zu erinnern, aber sie kann einem jüngeren Menschen eine Motivation sein. Eine Motivation, die eigenen Träume und Ziele wahr werden zu lassen.

 

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frisch gebloggt am 21. August um 01:40 Uhr japanischer Zeit.

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Dieser Beitrag ist Teil der Serie „Meine besonderen Begegnungen auf Reisen“

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Steven Hille

Steven ist der Autor des nachhaltigen Reiseblogs Funkloch. Irgendwann dachte er sich, dass er nur noch Projekte realisieren sollte, die einen guten Nutzen haben. Aus dieser Idee heraus sammelte er Spenden für ein Tigerbaby, unterstützte ein nationales Bienenprojekt, baute einen Brunnen in Uganda und gründete mit Freunden die NGO WeWater, die sich für sauberes Trinkwasser einsetzt.